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yongrae

  • littlesnowflake133
  • 7. Juni 2021
  • 8 Min. Lesezeit

sunday | 5th april 2020 | gangnam severance hospital


Mit klopfendem Herzen beobachtete er, wie sich die Türen zu dem Ort öffneten, den er heute vorerst ein letztes Mal besuchen würde und allmählich fing er an die Entscheidung mit der Show zu bereuen. Aber er musste dort teilnehmen, was es auch kostete. Um seinen Traum zu erfüllen. Um ihren Traum zu erfüllen. Um sie stolz zu machen. Und um endlich mehr tun zu können, als er jetzt in dem Moment tun konnte.


Als er die Türen hinter sich gelassen hatte, ertönte Kinderlachen quer durch die Gänge und wie jedes einzelne Mal atmete er erleichtert, tief durch. Er wusste nicht, was er jedes einzelne Mal erwartete, doch allein die Vorstellung hier irgendwann einmal hineinzukommen und von einer gnadenlosen Stille empfangen zu werden, bereitete ihm persönlich eine Scheiß-Angst. Schon der Gedanke daran, ließ die Galle in ihm hochkommen, doch er musste sich zusammenreißen. Heute war er der Starke, derjenige der sich zusammenriss um den Menschen hier das Leben wenigstens ein bisschen zu erleichtern.

Es brauchte kaum drei Schritte, da entdeckte er Schwester Layla mit den riesigen Boxen von Materialien, die hier stets und ständig gebraucht wurden und bei Gott, niemals leer werden durften. Diese Kisten wogen jedoch gefühlte Tonnen, weswegen er keine Zeit verschwendete und in schnellen Schritten auf die eher zierliche 30-Jährige gebürtige Deutsche zueilte. Am liebsten wäre er zu ihr gerannt, doch die Regeln hier waren die Einzigen, die ihn noch interessierten. Niemals würde seine eigene Ignoranz dafür sorgen, dass er nicht mehr hierher kommen konnte. Selbst wenn es ihn alle Anstrengung der Welt kosten würde.

Stumm nahm er der Krankenschwester die schwere Kiste aus den Händen und lächelte sie kurz an, ehe er sich daran machte, die anderen ebenfalls von dem großen Wagen in den kleinen Raum zu stellen, welchen sie extra dafür eingerichtet hatten. Und jeder Familie, die hier traurigerweise neu dazukam, wurde dieser Raum als einer der wichtigsten vorgestellt. Zwar sollten eigentlich nur die Krankenschwestern Zutritt dazu erhalten, für Notfälle stand er nichtsdestotrotz jedem hier zur Verfügung – weil Notfälle hier nicht gerade selten waren, jede verdammte Sekunde zählte und die Mütter und Väter hier sowieso unfreiwillig eine halbe Ausbildung abgeschlossen hatten. Das bekam man quasi gratis dazu, wenn das eigene Kind todkrank wurde.

Es herrschte keine angenehme Stille zwischen ihnen beiden, doch Yongrae würde keineswegs selbst das Gespräch beginnen. Solange sie nicht sprechen wollte, musste sie das auch nicht. Er war hier als seelische Unterstützung, als Spender und als derjenige, an dessen Schulter man sich entspannt ausheulen konnte, weil er niemals auch nur einen Ton sagen würde. Wenn sie also soweit war, wäre er einfach da und würde zuhören. Genauso wie die letzten drei Jahre seines Lebens.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, stellte er gerade die letzte Kiste an, als die junge Frau ihn von hinten umarmte und ihn fest zu sich heranzog. Er hatte es sich denken können, doch scheinbar gab es schlechte Nachrichten. Wie sehr er diese doch verabscheute. Trotzdem richtete er sich auf, zog sie an ihren Armen noch näher zu sich und legte seine Hände auf ihre, welche seinen Bauch umschlungen hielten. Beruhigend versuchte er kleine Kreise mit seinen Fingern auf ihren Handrückseiten zu ziehen, obwohl er wusste es würde nichts auf dieser Welt helfen um den Schmerz, die Tränen und die Leere zu lindern. Dabei war das erst der Anfang, das erkannte er allein schon daran, dass sie sich nicht sofort auf ihn gestürzt hatte, als er hier erschienen war. Die ganz schlimmen Nachrichten würden in den nächsten Tagen oder Wochen also folgen. Eine Zeitspanne, in welcher er nicht da sein würde und sich wahrscheinlich den Kopf darüber zerbrechen würde, was hier so vor sich ging.

Das Zittern an seinem Rücken machte ihn lautlos fertig. Auch weil er wusste, dass sie sich in den nächsten paar Sekunden wieder zusammenreißen musste, die Tränen von ihren Augen wischen würde und auf die nächstbeste Personaltoilette rennen würde, um die Spüren ihres sehr kleinen Zusammenbruchs zu beseitigen, bevor sie spätestens heute Abend gänzlich zusammenbrechen würde. Allein. Weil ihr Mann, wegen welchem sie damals extra nach Seoul gezogen war, nicht damit klarkam, dass seine Frau eine emotionale Stütze brauchte und Abends sicher das ein oder andere Mal zusammenbrach, wenn der Tag besonders hart war. Er würde den Teufel tun und jetzt wütend werden, doch er hätte dem Schwein schon gern seine Faust ins Gesicht gerammt. Layla arbeitete auf einer Kinderkrebsstation verdammt nochmal, wer damit rechnete es würde ihr am Arsch vorbeigehen was hier so passierte, war ein noch emotional verarmteres Arschloch, als er persönlich es war.

„Ich komme gegen 15 Uhr bei dir vorbei, such dir aus was wir kochen“, warf er einfach so in ihre kleine Runde. Ohne Nachfrage, sondern wie das fast wöchentliche Ritual, was sie an dem Tag eingeführt hatten, als ihr Mann seine Sachen packte und ging. Der einzige Mensch, den er an sich heranlies, mit dem er den Schmerz teilen konnte und letztlich war es sie, die ihn nicht hatte komplett kaputt gehen lassen. Dafür würde er wohl auf ewig dankbar sein. Yongrae spürte ein Nicken an seinem Rücken und drehte sich um, nahm sie ohne hinzusehen noch fester in den Arm. Er wusste sie mochte es nicht, wenn jemand sie beim Weinen sah. Deswegen respektierte er diese Grenze zwischen ihnen, auch wenn es gelogen wäre zu sagen, sie beide hätten diese emotionale Grenze nicht schon oft genug überschritten.

„Lass uns dann Emi auch besuchen. Sie freut sich bestimmt“, flüsterte er nun viel eher und spürte sofort, wie sie ihn bei den Worten versuchte noch fester an sich zu drücken. Wieder ein Nicken ihrerseits, bevor sie sich gänzlich von ihm löste, er jedoch die Augen geschlossen behielt, um ihr den Freiraum zu geben, den sie brauchte. Vielleicht tat er dies aber auch nur, weil er selbst die Tränen hochkommen spürte und er sie mit aller Macht unterdrücken musste. Er war noch nicht einmal angekommen, von der Tatsache ganz zu schweigen, dass die schwierigsten Dinge heute noch bevorstanden.

Erst als ihre Schritte immer kleiner wurden, öffnete er die Augen wieder und sah sich kurz in dem Raum um. Auch wenn sie bereits die neue Ware einsortiert hatten, wusste er es wurden nur so viele Kisten benutzt, wie sie auch benötigt wurden. Ein kleiner Trost, welchen er sehr zu würdigen wusste. Dann starrte er nochmal an die Stelle, an der Layla bis vor wenigen Sekunden noch gestanden hatte. Sie beide verband so viel, viel mehr als er eigentlich hatte zulassen wollen. Doch die letzten Jahre waren sie durch alles gemeinsam gegangen. Sein erster Tag hier war auch ihr erster Tag hier gewesen. Sie hatten sich jeden Tag gesehen, jeden Tag miteinander gesprochen und auch als er keinen Grund mehr hatte herzukommen, kam er trotzdem mindestens einmal in der Woche. In einer anderen Funktion, verändert und gebrochen. Doch Layla war diejenige, die ihn nie losgelassen hatte und es niemals tun würde – egal mit welchen Mitteln er versuchte das Band zwischen ihnen zu zerschneiden. Sie hielt sein Herz zusammen. Mit den größten Narben, Schrauben und Pflastern der Welt. Aber sie heilt es davon ab gänzlich auseinanderzufallen.

Als er die nächsten Schritte hörte, wischte er sich die eine Träne von seinem Gesicht, die ihm doch noch entkommen war. Dann setzte er ein Lächeln auf und trat aus der Tür, tat so als wäre er gerade fertig geworden mit dem Einsortieren und nickte Krankenschwester Hyerim zu, welche ihm nur einen guten Tag wünschte und sich sofort weiter auf den Weg machte. Auch sie sah nicht glücklich aus, doch was hatte er erwartet? Hier war jeder Tag eine tickende Zeitbombe und so weit fortgeschritten diese ganze Medizinsache war, gute Neuigkeiten fand man hier eher so selten, wie vierblättrige Kleeblätter. Dieser Gedanke erinnerte ihn an etwas, weswegen er genau wusste, wohin ihn sein nächster Weg führen würde.


Nach nur kurzer Zeit betrat er den Rand des Raumes, an welchem er sich gegen den Türrahmen lehnte und zunächst einfach dem Treiben zusah. Es waren viele Kinder hier, und jedes einzelne von ihnen war eines zu viel. Sie sollten nicht hier sein, aber lieber hier als irgendwo. Oft kam es ihm so vor, als wären die Kinder hier glücklicher, als es die anderen waren, die weit weg von diesem Ort ihr Leben bestritten. Die Kinder hier lachten viel mehr, malten zusammen Bilder oder teilten sich ihre Spielsachen. Ohne sich miteinander zu streiten, zu diskutieren oder eine der anderen, energie- und zeitraubenden Tätigkeiten, die Kinder sonst so betrieben. Wahrscheinlich, weil sie nicht so viel Energie hatten. Weil sie spürten, dass sie alle in der gleichen Situation steckten und lieber glücklich sein sollten mit der Zeit, die sie hier zusammen hatten. Jetzt wünschte er sich nichts lieber, als dass diese Kinder sich streiten würden. Aber sie waren nicht dumm. Egal in welchem Alter hier – sie wussten es alle besser als man ihnen zutrauen würde.


Bevor er sich jedoch in diesen Getümmel stürzte, mit den Kindern oder auch Eltern redete, machte er sich auf den Weg in ein anderes Zimmer. May war nicht dort gewesen, also musste er erst nach ihr schauen um sich zu versichern, wie es ihr ging. Erst dann würde er sich auf etwas anderes konzentrieren können. Doch wünschte er sich in dem Moment, als er an die Tür klopfte, mit dem speziellen Klopfzeichen, welches er schon seit drei Jahren kaum mehr aus dem Kopf bekam, er könnte sich einfach umdrehen und den anderen Kindern beim glücklichen Spielen zusehen. Denn die Art und Weise, wie tränenerstickt die Aufforderung zum Reinkommen klang, würde er heute Abend wohl sehr lange bei Layla sitzen müssen. Er wollte nicht nachfragen, musste er auch nicht. Er sah es an den schmerzverzerrten Gesichtern ihrer Eltern. An den tränenden Augen und der Art und Weise, wie sie alle ihn musterten. Yongrae nickte nur kurz den Eltern zu, bis er auf die Jugendliche zusteuerte, die ihn sogleich zu zerquetschen drohte. Sie zitterte wie Espenlaub, obwohl dieses Zimmer schon fast einer Sauna glich.


„Emi hatte auch keine Angst, also darf ich das auch nicht haben. Oder Ray?“, flüsterte May ihm zu, damit ihre Eltern sie nicht hörten. Gleichzeitig sagte sie damit alles, was er für eine Bestätigung gebraucht hatte. Er wusste, sie wollte ihren Eltern nicht zeigen, dass sie Angst hatte. Und auch Yongrae konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen, wie groß genau die Angst wirklich sein musste. Aber er nickte, auch wenn er erst am letzten Tag mitbekommen hatte, wie groß Emis Angst wirklich gewesen war.

„Emi hatte keine Angst. Aber es ist auch in Ordnung, wenn du Angst hast May, vergiss das nie.“

Sie sollte nicht so tun, als wäre sie unendlich stark. Sie war erst 17 Jahre alt und hatte viel zu viel Zeit hier verbracht. Angst zu haben war bei Weitem keine Schande und er wollte nicht, dass es so endete, wie es bei Emi der Fall gewesen war.

Doch weiter kamen sie beide nicht, denn ihre Mutter stürzte ebenfalls an das Bett und schloss sich der Umarmung an. Nur kurze Zeit später folgte ihr Vater. Und auch, wenn er sich fehl am Platz fühlte, weil er nicht zur Familie gehörte, rührte er sich nicht vom Fleck. Weil sein erster Tag hier, nicht nur auch der von Layla gewesen war, sondern schicksalshaft auch der von May. Und weil Emi und sie die besten Freundinnen gewesen waren. Und er nun praktisch auch mit zur Familie zählte und sie alle viel Kraft brauchen würden – am meisten jedoch May selbst.

Nur wenige Tage später war es soweit. Er war gerade bei Emi, als die Nachricht ankam und er sich das erste Mal seit sehr langer Zeit wieder erlaubte zu zerbrechen.

May ist jetzt bei Emi. Ich bin mir sicher, dass sie wieder den größten Spaß zusammen haben werden.

 
 
 

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