haewon
- weisesfrettchen
- 19. Juni 2021
- 7 Min. Lesezeit
sunday | 17th august 2019 | seoul
Haewon bekam gar nicht mit wie stickig die warme Luft in der U-Bahn Station war, zu glücklich war sie endlich einmal Zeit für sich selbst zu haben und in die Stadt zu gehen. Das die eigentliche Ausrede dahinter war, dass sie Geschenke für Bae Daeun – eine ihrer Mitbewohnerinnen – besorgen wollte, da diese am nächsten Tag Geburtstag hatte und die Trainees dank ihrer vollen Stundenpläne keine Zeit dafür gefunden hatten etwas für sie zu besorgen. Dabei war Daeun die Älteste von allen und legte sich durchaus ab und an mit den Angestellten des Entertainments an, wenn sie glaubte das die Jüngeren sich überarbeiteten. Deswegen hatten sie gemeinsam beschlossen eine Überraschungsparty für sie zu schmeißen und da durften Geschenke nun einmal nicht fehlen, weswegen Haewon sich natürlich sofort dazu bereit erklärt hatte in die Stadt zu gehen und Dinge zu besorgen.
Natürlich würde sie auch noch die Geschenke besorgen, nur hatte sie in diesem Moment einfach Lust einmal durch die Stadt zu laufen und die Freiheit zu genießen, die sie sonst nicht hatte, immerhin hatte sie sich sogar für diesen kleinen ‚Ausflug‘ extra abmelden müssen und leider hatte Daeun ihr dabei nicht helfen können, ansonsten hätte Haewon nun eine Begleitung an ihrer Seite und bei dem Kauf von Geschenken für eben diese Person war das nun einmal mehr als nur hinderlich. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen schlug sie sofort den Weg zu ihrer Lieblingseisdiele ein und begann sogar die letzten Meter zu rennen, weil sie sich so sehr darauf freute endlich mal wieder etwas Süßes zu essen. C9 Entertainment verbot ihnen zwar nicht bestimmte Dinge zu essen, aber sie mussten nun einmal bei einem gewissen Gewicht bleiben und so war es trotz allem eine Seltenheit für Haewon sich einmal so etwas zu genehmigen.
Die Tatsache, dass man ihr von allen Seiten verwirrte Blicke zuwarf und sie beinahe einen kleinen Jungen umrannte, ignorierte die Koreanerin gekonnt. Schwungvoll stieß sie die Tür der kleinen Eisdiele auf und machte sich mit großen Schritten auf den Weg zu der kleinen Theke, als sie aus dem Augenwinkel bemerkte, wie ein Mädchen auf dem Boden herumkrabbelte und etwas einzusammeln schien. Ohne groß darüber nachzudenken hockte Haewon sich daneben und fragte banalerweise: „Was machst du da?“
Das Mädchen mit den kurzen Haaren warf ihr einen genervten Blick zu und krabbelte mit zwei Blättern unter dem Tisch hervor und deutete dann mit den Augen zur Tür. Auch Haewon richtete sich wieder auf und folgte dem stummen Hinweis der Anderen, nur um sich dann mit der flachen Hand gegen die Stirn zu schlagen: „Tut mir Leid! Ich…irgendwie war ich einfach so froh mal wieder Eis essen zu können. Ich bin übrigens Lee Haewon.“
Auch wenn die Jüngere keineswegs begeistert von der Idee zu sein schien jetzt Zeit mit Haewon zu verbringen, setzte sie ein Lächeln auf, als diese sich ihr gegenüber fallen ließ und sich einen Mint-Chocolate Becher bestellte. Die Papiere hatte das Mädchen unter eine Mappe geschoben, sodass Haewon nicht sehen konnte, was sich darauf befand, doch ihre Neugierde überwog und ohne groß darüber nachzudenken schnappte sie sich die Mappe, mitsamt der darunterliegenden Papiere.
„Ey! Gib das sofort wieder!“, rief die andere aus und biss sich sogleich auf die Unterlippe, als sich einige der anderen Gäste zu ihnen umdrehten. Miyoung – so hatte sie sich vorgestellt – starrte die Ältere sauer an, doch das würde sie auch nicht weiterbringen, immerhin war es Haewon, die ihr gegenüber saß und diese wollte in diesem Moment einfach nur wissen, was die Jüngere tat. Sie war froh jemanden zu treffen, der endlich einmal nicht ständig in ihrem Leben herumspukte und möglichst weit entfernt von dem Leben als Trainee war. Neugierig blätterte sie durch die Mappe und warf dann auch einen Blick auf die Papiere. Überall waren kleine Skizzen zu sehen und abgeheftet waren die bereits fertigen Bilder. Beeindruckt rückte Haewon auf erneutes Drängen der Jüngeren deren Eigentum wieder heraus und begann sich dann ihrem Eis, welches in der Zwischenzeit angekommen war, zu widmen.
Doch schon nach dem ersten Löffel konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und begann dann begeistert von Miyoungs Zeichnungen zu schwärmen: „Du bist wirklich unfassbar talentiert. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen mit dem Zeichnen anzufangen? Wie lange zeichnest du schon? Machst du das professionell? Du musst doch bestimmt jemanden in der Familie haben, der ebenso begabt ist, wie du, oder nicht? In mir hast du jedenfalls jetzt einen Fan gefunden.“
Überrumpelt starrte die Jüngere sie an und begann dann erst zögerlich zu antworten: „Ich mache das eigentlich eher als Ausgleich. Ich bin die meiste Zeit vollkommen eingespannt und das Zeichnen und Malen bringt mich irgendwie runter. Aber willst du mir vielleicht erzählen, wieso du dich wie eine Verrückte auf das Eis gestürzt hast?“
Haewon hatte gar nicht bemerkt, wie schnell sie die kalte Mahlzeit zu sich genommen hatte und konnte deswegen nur lachen, ehe sie Miyoung ohne groß nachzudenken davon erzählte, dass sie ein Trainee war und dementsprechend nur selten in die Stadt kam, um es sich einmal richtig gutgehen zu lassen. Die Jüngere reagierte anders als die Koreanerin erwartet hatte und erklärte, dass sie bezahlen müsste, weil sie noch wohin musste. Skeptisch musterte Haewon das Mädchen mit den kurzen Haaren und wollte dann wissen, was denn so wichtig sein könnte, worauf Miyoung begann vor sich hin zu stammeln und keine wirklich plausible Antwort bereit hatte. Sie brauchte nicht sonderlich lange, um eins und eins zusammen zu zählen und schloss ziemlich schnell darauf, dass die Jüngere wohl ebenfalls ein Trainee sein musste. So sehr sie sich auch gefreut hatte jemanden getroffen zu haben, der nichts mit ihrem Leben zu tun hatte, freute es sie auf eine seltsame Art und Weise aber auch zu wissen, wer Miyoung eigentlich war.
Als Haewon das Thema ansprach, zuckte Miyoung unweigerlich zusammen und schüttelte dann aber den Kopf, wie um ihr zu sagen, dass sie aufhören musste darüber zu reden. Die Ältere akzeptierte das zwar, ließ sie aber nicht einfach so davon kommen: „Gib mir kurz dein Handy.“ Miyoung sträubte sich zwar dagegen, doch Haewon wäre nicht Haewon, wenn sie sich nicht durchsetzen würde und tippte schnell ihren Namen und ihre Nummer als neuen Kontakt ein, nur um sich selbst dann schnell eine Nachricht auf KakaoTalk zu schicken und Miyoung dann ihr Handy zurückzugeben.
„So können wir in Kontakt bleiben“, erklärte sie noch und winkte der Jüngeren dann zu, während diese sich auf den Weg nach draußen machte. Das Lächeln verließ Haewon für den restlichen Tag nicht mehr. Auch wenn die Jüngere nicht sonderlich begeistert gewesen war, war sie davon überzeugt, dass die beiden einmal gute Freundinnen werden würden.
wednesday | 20th august 2019 | c9 trainee dorm
Haewon hatte ihrer neuen Bekanntschaft mittlerweile mindestens 100 Nachrichten geschickt, doch Miyoung schien einfach nicht antworten zu wollen, was Haewon zugegebenermaßen ziemlich missfiel, mochte sie die Jüngere doch auf eine gewisse Art und Weise und hatte sich eigentlich bereits darauf gefreut mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Sie hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, als Miyoung ihr vorschlug sie könnten sich in einer Stunde in der Eisdiele treffen, wenn Haewon Zeit und Lust darauf hatte. Auch wenn der Koreanerin mehr als nur bewusst war, dass die Idee mehr als nur dumm war, stimmte sie in ihrer Euphorie sogleich zu und machte sich auf den Weg zur Bahn – ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden sich abzumelden.
In der Eisdiele angekommen setzte sie sich wieder an den gleichen Platz, an dem sie auch das letzte Mal gesessen waren und wartete ungeduldig auf die Jüngere, die fast zwanzig Minuten später auch endlich auftauchte und sich zu Haewon gesellte. Ohne Umschweife begann Miyoung sogleich zu sprechen: „Es tut mir wirklich leid, dass ich mich erst jetzt melden konnte, aber meine Eltern waren sich nicht sicher, ob das so eine gute Idee wäre. Ich habe sie aber von dir überzeugen können und sie haben mir erlaubt mich mit dir zu treffen.“
Verwirrung machte sich in Haewon breit. War Miyoung doch kein Trainee, wie sie angenommen hatte? Oder durfte sie einfach bei ihren Eltern leben? Und warum zur Hölle musste sie ein Treffen mit einer Freundin überhaupt mit ihren Eltern abklären? Die Jüngere schien zu sehen, wie überfordert Haewon in diesem Moment war, weswegen sie erklärte: „Meine Eltern sind ziemlich streng, dass ich überhaupt Trainee werden durfte war schon eine Herausforderung, aber mich mit fremden Leuten zu treffen ist noch einmal eine andere Sache. Mein Vater schiebt die totale Panik, dass mir etwas passieren könnte, deswegen muss ich so etwas immer erst mit ihnen abklären.“
„Helikoptereltern oder was?“, fragte Haewon sogleich und brachte die Jüngere so zum Lachen. „Kann man so sagen“, erklärte sie und schmunzelte. Sie sprachen noch über dies und jenes und tauschten sich ein wenig darüber aus, wie das Leben in ihren jeweiligen Entertainments war, auch wenn beide vermieden den Namen ihres Entertainments zu verraten. Es war schön sich mit jemandem zu unterhalten, der zwar in der gleichen Situation war, aber vollkommen andere Umstände hatte, als man selbst. Haewon machte es Spaß sich mit Miyoung auszutauschen und sie war sich auch nach dem Ende des Treffens noch sicher, dass sie einander nicht zum letzten Mal gesehen hatten.
Wieder zurück im Dorm angekommen, erwartete Haewon eine wütende Daeun. Die sonst so nette 24-Jährige hatte die Arme in die Hüften gestemmt und zog die Jüngere ohne weitere Umstände in den kleinen Abstellraum, nur um die Tür hinter den beiden zuzuwerfen und ihren Vortrag zu beginnen: „Was fällt dir ein einfach so zu verschwinden? Ich musste schon mit unserem Manager sprechen und wäre fast verrückt geworden vor Sorge! Du musst dich abmelden – wie oft hab ich dir das schon erklärt! Irgendwann werden sie nicht mehr so großzügig sein. Solche Eskapaden kannst du dir eigentlich nicht erlauben Wonnie! Du bist zwanzig Jahre alt und solltest dich nicht mehr so verhalten, wie ein Kleinkind, dem langweilig ist. Du hast dich selbst für dieses Leben entschieden. Dann leb auch mit den Folgen!“
Haewon traute sich nicht ein Wort zu sagen und starrte nur geknickt auf den Boden. Sie war vorhin so euphorisch gewesen, dass sie es einfach vergessen hatte und natürlich hatte sie dabei auch nicht daran gedacht, was so etwas für die anderen Trainees bedeuten könnte. Daeun schien zwar noch immer sauer zu sein, doch zog sie Haewon kurzerhand in eine Umarmung. „Mach so etwas bloß nie wieder. Ich weiß nicht, wie oft ich dich noch retten kann Wonnie, aber wir haben uns doch versprochen das hier zusammen durchzuziehen.“ Die Jüngere antwortete nicht, sondern nickte nur langsam, ehe sie eine leise Entschuldigung murmelte.
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